KI und Krebs: Der große Leitfaden für Patient:innen
Hinweis: Dieser Artikel gibt persönliche Erfahrungen und allgemeine Informationen wieder. Er ersetzt keine medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich bitte an dein Behandlungsteam.
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich zum ersten Mal mit einer Krebsdiagnose konfrontiert wurde und kurz danach meinen Laptop aufklappte. Nicht weil ich einen Plan hatte. Sondern weil ich irgendetwas tun musste. Heute, als jemand der KI beruflich kennt und sie gleichzeitig als Patientin täglich nutzt, habe ich eine andere Perspektive auf diese Situation. Ich weiß, was KI in einer solchen Lage leisten kann – und ich weiß, was sie definitiv nicht kann.
Dieser Artikel ist der Überblick, den ich mir damals gewünscht hätte.
Was ist KI eigentlich – und warum ist das für Krebspatient:innen relevant?
Wenn ich von KI spreche, meine ich vor allem sogenannte große Sprachmodelle: ChatGPT von OpenAI, Claude von Anthropic, Gemini von Google. Das sind Systeme, die auf riesigen Mengen von Texten trainiert wurden und dadurch in der Lage sind, auf Fragen zu antworten, Texte zu schreiben und komplexe Inhalte verständlich zu erklären.
Sie sind keine Ärzte. Sie stellen keine Diagnosen. Aber sie können auf eine Art und Weise Informationen aufbereiten und erklären, die für Menschen in einer medizinischen Ausnahmesituation sehr hilfreich sein kann. Denn darum geht es mir: Nicht darum, KI zu einem Allheilmittel zu erklären. Sondern darum zu zeigen, wo sie wirklich hilft – und wo nicht.
Was KI für Krebspatient:innen leisten kann
Ich teile das bewusst in konkrete Anwendungsfälle auf, weil ich gemerkt habe, dass viele Menschen KI entweder überschätzen oder gar nicht erst nutzen, weil sie nicht wissen, wo sie anfangen sollen.
Medizinische Fachbegriffe verständlich machen
Arztbriefe und Befunde sind für die meisten Menschen kaum lesbar. Histologie, adjuvante Therapie, Resektabilität, R0-Resektion – das sind Begriffe, die Ärzt:innen täglich verwenden und die für Patient:innen oft eine Wand aus Unverständnis bedeuten. KI kann diese Begriffe auf einfache, verständliche Sprache herunterbrechen. Ohne Zeitdruck, ohne Wartezeit, jederzeit. Das verändert die Qualität der Gespräche mit dem Behandlungsteam, weil man versteht, worüber gesprochen wird.
Mein Tipp: Gib den Begriff alleine ein, nicht den ganzen Arztbrief. Also zum Beispiel: "Erkläre mir in einfacher Sprache, was eine 'adjuvante Chemotherapie' ist und welche Fragen ich dazu stellen sollte."
Arztgespräche und Termine vorbereiten
Einer der häufigsten Sätze, den ich von anderen Betroffenen höre: "Ich war so aufgeregt, dass ich alles vergessen habe, was ich fragen wollte. Das kenne ich. Wenn man im Sprechzimmer sitzt, ist die eigene Kapazität begrenzt. KI kann helfen, vor einem Termin eine strukturierte Fragenliste zu erstellen – basierend auf der Situation, dem Krankheitsstadium, dem geplanten Gespräch. Ich frage zum Beispiel: "Ich habe nächste Woche ein Gespräch mit meiner Onkologin über die weitere Therapie. Welche Fragen sollte ich unbedingt stellen? Was vergessen Patient:innen in solchen Gesprächen häufig?" Das Ergebnis ist nie perfekt. Aber es ist ein Ausgangspunkt, der mich besser vorbereitet in das Gespräch gehen lässt.
Arztbriefe Schritt für Schritt verstehen
Ein Arztbrief ist kein lineares Dokument, das man von vorne bis hinten liest und versteht. Er hat eine Struktur, eine Logik, und er enthält Informationen, die man in einer bestimmten Reihenfolge einordnen muss. Ich gehe heute so vor: Ich öffne den Brief, kopiere einzelne Abschnitte – ohne meinen Namen und ohne identifizierende Informationen – und frage die KI, was dieser Abschnitt bedeutet. Was er aussagt. Was er nicht aussagt. Welche Fragen er aufwirft. Wichtig dabei: Ich lade nie den kompletten Arztbrief hoch. Erstens aus Datenschutzgründen. Zweitens, weil die KI mit einem einzelnen Abschnitt oft bessere und fokussiertere Antworten liefert.
Nebenwirkungen einordnen
Wenn ich während einer Therapiephase ein neues Symptom bemerke, möchte ich manchmal einfach wissen: Ist das bekannt? Ist das häufig? Wann sollte man damit wirklich sofort zum Arzt? KI kann allgemeine Informationen zu häufigen Nebenwirkungen geben und mir helfen einzuschätzen, ob etwas dringend ist oder ob ich bis zum nächsten regulären Termin warten kann. Sie kann das nicht mit Sicherheit wissen, meine individuelle Situation kennt sie nicht. Aber sie kann mir eine erste Orientierung geben. Ich verlasse mich dabei aber nie auf die KI, sondern bespreche alles mit meinem Behandlungsteam. nUnd sie sagt mir auch: Ruf an. Frag nach. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Klugheit.
Texte und Briefe formulieren
Manchmal brauche ich einfach Worte, die ich gerade nicht finde. Einen Brief an die Krankenkasse. Eine Nachricht an Kolleg:innen. Eine Erklärung für die Familie, wie es mir gerade geht und was ich brauche. KI ist darin sehr gut. Sie gibt mir einen Entwurf, den ich anpasse. Das spart Energie in Phasen, in denen Energie das knappste Gut ist.
Was KI nicht kann – und warum das wichtig zu verstehen ist
Ich sage das nicht, um Angst zu machen. Sondern weil ich glaube, dass ein realistisches Bild von KI die Voraussetzung dafür ist, sie sinnvoll zu nutzen.
KI kennt meinen Fall nicht
Krebs ist keine einheitliche Erkrankung. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können sehr unterschiedliche Verläufe haben – abhängig von Tumorbiologie, Stadium, Allgemeinzustand, Vorerkrankungen, Alter und vielen weiteren Faktoren. Eine KI, die meinen Fall nicht kennt, kann und sollte keine Prognosen machen. Wenn sie es tut, sind diese Aussagen nicht auf mich anwendbar – und können im schlimmsten Fall zu falschen Erwartungen oder Entscheidungen führen.
KI ist kein Arzt und kein Therapeut
KI kann empathisch klingen. Sie kann Informationen verständlich aufbereiten. Aber sie fühlt nicht. Sie hat keine Erfahrung mit dem, was es bedeutet, eine lebensverändernde Diagnose zu erhalten. Wenn ich in Momenten echter Verzweiflung Halt brauche, dann bei Menschen – bei Freund:innen, Familie, Psychoonkolog:innen, Selbsthilfegruppen. Nicht bei einer Maschine.
KI kann Fehler machen
Große Sprachmodelle können falsche Informationen produzieren, die klingen als wären sie richtig. Das nennt man "Halluzinieren". Bei alltäglichen Themen ist das ärgerlich. Bei medizinischen Informationen kann es gefährlich sein. Deshalb gilt: Alles, was KI mir sagt und was für eine Entscheidung relevant ist, überprüfe ich. Mit dem Behandlungsteam, mit seriösen Quellen wie dem Krebsinformationsdienst oder der Deutschen Krebshilfe.
Datenschutz: Was ich der KI sage – und was nicht
Das ist die Frage, die ich am häufigsten in meinen Workshops höre. Meine Antwort: Ich behandle KI-Chats wie eine Postkarte. Ich schreibe nichts hinein, das ich nicht auch auf einer Postkarte stehen haben möchte. Konkret bedeutet das:
Keinen vollständigen Namen
Keine Versicherungsnummern oder Geburtsdaten
Keinen vollständigen Arztbrief als Upload
Aber: Die KI braucht meinen Namen nicht, um mir eine gute Antwort zu geben. Ich schreibe "eine Person mit Brustkrebs im Stadium II" statt meinen Namen. Das reicht. Wer auf Nummer sicher gehen will: In den Einstellungen von ChatGPT/ Claude oder anderen Modellen kann man unter "Datenkontrolle" deaktivieren, dass Gespräche für das Modelltraining verwendet werden.
Mehr dazu habe ich in meinem Artikel Datenschutz: Was darf ich der KI eigentlich erzählen? ausführlich beschrieben.
Welche KI-Tools gibt es – und welche nutze ich?
Es gibt heute mehrere große KI-Tools, die für Patient:innen relevant sein können: ChatGPT (OpenAI) ist das bekannteste Tool und für viele der Einstieg. Es ist gut in Erklärungen und im Formulieren von Texten. Die kostenlose Version reicht für die meisten Anwendungsfälle aus. Claude (Anthropic) ist aus meiner Erfahrung besonders gut im Umgang mit langen Texten und beim differenzierten Abwägen von Informationen. Ich nutze es oft, wenn ich komplexere Zusammenhänge verstehen möchte. Gemini (Google) ist gut integriert in andere Google-Dienste, was für manche praktisch ist. Für reine medizinische Informationsrecherche nutze ich es seltener und Mistral AI, das als die wichtigste europäische Alternative zu amerikanischen Plattformen wie OpenAI gilt. Das Startup zeichnet sich durch leistungsstarke, offene Sprachmodelle (Open-Weights), extreme Geschwindigkeit und einen starken Fokus auf europäische Datenschutzstandards aus.
Alle vier sind kostenfrei nutzbar, alle drei haben kostenpflichtige Premium-Versionen mit mehr Funktionen.
Meine fünf wichtigsten Prompts für den Krebsalltag
Prompts sind die Eingaben, die ich der KI mache. Der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Prompt ist enorm.
Hier sind die fünf, die ich am häufigsten nutze:
1. Für medizinische Begriffe:"Ich habe folgenden Begriff in einem Arztbrief gelesen: [Begriff]. Erkläre ihn in einfacher Sprache und nenne Fragen, die ich mit meiner Ärztin besprechen sollte."
2. Für die Vorbereitung auf Gespräche:"Ich habe in einer Woche ein Gespräch mit meiner Onkologin. Welche Fragen sollte ich unbedingt stellen? Was vergessen Patient:innen häufig?"
3. Für schwierige Situationen:"Ich muss jemandem erklären, wie es mir gerade geht. Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Kannst du mir helfen, das in zwei bis drei Sätzen zu formulieren?"
4. Für Nebenwirkungen:"Ich erlebe seit [Zeitraum] folgendes Symptom: [Beschreibung]. Ist das bekannt als mögliche Nebenwirkung bei Krebstherapien? Nenne mir Quellen dazu."
5. Für Zusammenfassungen:"Ich möchte eine kurze Zusammenfassung meiner Erkrankung erstellen. Kannst du mir helfen, folgende Informationen klar und sachlich zusammenzufassen? [Stichpunkte einfügen]"
Mehr dazu habe ich in meinem Artikel 5 Prompts, die ich als Krebspatientin täglich nutze beschrieben.
Für Angehörige: KI als Unterstützung von der anderen Seite
Krebserkrankungen betreffen nie nur eine Person. Angehörige suchen genauso intensiv nach Informationen – und stehen oft vor ähnlichen Herausforderungen: zu viele Fachbegriffe, zu wenig Zeit, zu viel emotionale Belastung. KI kann auch für Angehörige hilfreich sein: beim Verstehen von Diagnosen und Therapien, beim Vorbereiten auf Gespräche mit dem Behandlungsteam, beim Formulieren von schwierigen Nachrichten. Und manchmal einfach beim Sortieren der eigenen Gedanken.
Wo ich anfangen würde – ein konkreter Einstieg
Wenn du KI noch nie genutzt hast und nicht weißt, wo du anfangen sollst: Gehe auf Chatgpt, Claude AI, Gemini oder Mistral AI erstelle einen kostenlosen Account und schreibe eine einzige Frage hinein. Eine Frage, die du ohnehin hast.Schau, was passiert. Hinterfrage die Antwort. Frag nach, wenn etwas unklar ist.
Das ist der Einstieg. Alles andere kommt von alleine.
Weitere Artikel auf diesem Blog
Dieser Leitfaden ist der Überblick. Für die Tiefe gibt es die einzelnen Artikel:
Arztbrief mit KI verstehen: So gehe ich Schritt für Schritt vor
Fatigue und KI: Wie ich mit wenig Energie trotzdem handlungsfähig bleibe
Neue Krebsdiagnose: Was KI jetzt leisten kann und was zuerst zählt
Alle Prompts aus diesem Leitfaden findest du auch im interaktiven Prompt-Generator — wähle deine Situation und kopiere den fertigen Prompt direkt.
Über die Autorin: Franziska Ivens ist KI-Expertin und selbst Krebspatientin. Sie gibt Keynotes, leitet Workshops für Patientenorganisationen und zeigt, wie KI im Krebsalltag konkret helfen kann — ohne Hype, mit Haltung. → LinkedIn | Instagram